Ständig bekomme ich Briefe von Kindern, die eindringlich um Aufklärung bitten: Gibt es Bullerbü? Wenn es nämlich so ist, so wollen sie dorthin ziehen, und zwar sofort.

Da ist zum Beispiel ein kleines Mädchen aus Wien, das in diesem Punkt sehr entschlossen ist. Es erklärt seiner Mama, daß es dumm sein würde, noch weiter in Wien zu wohnen, wenn es einen Ort wie Bullerbü gäbe. Denn den gibt es doch? fragt sie besorgt.

Es ist schwer, auf einen solchen Brief zu antworten, denn das, was die kleine Briefschreiberin erwartet, sind drei Bauernhöfe, die in einer Reihe stehen, und die sechs Bullerbü-Kinder, die durch Fenster ein- und aussteigen und die mit ihr spielen wollen. Sie wird traurig sein, wenn ich ihr erzähle, daß es in Bullerbü nur noch ein rotes Haus gibt, das einige hundert Jahre alt ist, das Haus nämlich, in dem meine Geschwister und ich geboren wurden, und einen alten Baum, der auch einige hundert Jahre alt ist und in den Bosse einmal ein Hühnerei legte und wo eine Eule ein Küken ausbrütete.

Da es anscheinend so viele Kinder in Schweden wie auch in vielen anderen Ländern gibt, die gern ihre Kindheit in Bullerbü verbringen möchten, will ich ein wenig davon erzählen, wie es war, ein Bullerbü-Kind zu sein. Wenn man eine solche Kindheit haben möchte, so ist es beinahe das wichtigste, daß man sich die richtigen Eltern wählt. Das hatten wir getan. Unsere Eltern waren Bauern, die hart arbeiteten und die einfach keine Zeit hatten, Jeden unserer Schritte, die wir machten, zu überwachen. Wir hatten eine wunderbare Freiheit und waren viel uns selbst überlassen. Niemals gab es Streit zu Hause; teils deshalb, weil wir meistens schon beim ersten Mal gehorchten, wenn Mama etwas sagte, teils deshalb, weil wir, wie ich glaube, sehr wenig Zurechtweisungen bekamen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, daß zum Beispiel jemals darauf geachtet wurde, daß wir die Mahlzeiten einhielten. Wenn wir zur Essenszeit nicht zu Hause waren, durften wir uns nach unserer Heimkehr aus der Speisekammer bedienen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, daß Mama irgendwann auch nur ein einziges Wort sagte, wenn wir nach Hause kamen und unsere Kleidung schmutzig gemacht oderzerrissen hatten. Da war noch eine Sache, die meine Eltern zu so guten Eltern machte. Das bedeutete so viel für uns alle. Ein weiser Mann hat einmal gesagt, daß es gut für Kinder ist, wenn sie sehen, wie sich ihre Eltern gern haben. Wenn dieser Mann uns zu Hause hätte sehen können, so versichere ich, daß er sehr befriedigt gewesen wäre.

Ganz plötzlich konnte man Papa sehen, der Mama umarmte, und ich glaube, daß nicht ein einziger Tag während ihrer ganzen Ehe vergangen ist, an dem er nicht erzählte, wie wunderbar sie sei. Als sie beide schon über 80 Jahre alt waren, erinnere ich mich, wie er da saß, ihre Hände hielt und mit seinerweichesten Stimme sagte: „Meine innigst Geliebte, du und ich,“ wir können immer hier sitzen und haben es so schön miteinander." Ich glaube, es ist recht ungewöhnlich, daß ein einfacher Bauer seine Gefühle so offen zum Ausdruck bringt.

Wir Kinder lebten so naturverbunden, daß ein Erwachsener nur eine leise Ahnung davon haben kann. Ich kann nicht verstehen, daß all das wie Blu- men, Bäume, Steine und Gräben, eine so große Bedeutung für uns hatte. Wir lebten wirklich nahe der Erde wie kleine Tiere und sogen alles mit unseren Sinnen in uns ein.

Wir waren vier Geschwister, und wir spielten, mein Gott, was wir spielten. Wir waren Sachensucher, lange bevor Pippi Langstrumpf auf diese Idee gekommen ist, und ich glaube noch immer, daß es ein guter Einfall ist, plötzlich hinauszugehen und nach irgendwelchen Sachen zu suchen. Wußten wir nichts anderes zu spielen, so spielten wir den Inhalt der Bücher, die wir lasen. Einen ganzen Sommer lang spielten wir: Ich war Diane Barry, und der Dunghaufen hinter dem Schweinestall war das wogende Meer. Ja, und dann hatten wir alle Tiere: Pferde und Kühe, Schweine und Hühner, Katzen und Schafe und Ziegen.

Ich bin glücklich, daß ich im Pferdezeitalter geboren wurde und daß ich zum Weihnachtsfestessen mit dem Schlitten fahren durfte, genau auf die gleiche Art wie die Kinder aus Bullerbü. Lisa aus Bullerbü zog ein Lämmchen mit der Babyflasche auf; das tat auch ich. Lasse aus Bullerbü fing Ratten im Schweinestall, um sich eine eigene Rattenfarm anzulegen, aber leider rückten diese in der Nacht aus, und so wurde nichts aus der ganzen Rattenfarm. Genauso erging es meinem eigenen Bruder, und genauso, wie Bosse ein Hühnerei in den Eulenbaum legte, bekam mein Bruder ein Küken, das von einer Eule ausgebrütet worden war. Das war übrigens auch der Baum, in dem Limonade wuchs, als Pippi, Thomas und Annika hineinkletterten, derselbe Baum. Denn fast alle meine Bücher spielen sich zu Hause auf Näs ab, so heißt der Hof, der mein Zuhause in der Kindheit war.

Nun gibt es dort, wie gesagt, nur noch ein rotes altes Haus und einen morschen alten Baum. Aber die Erinnerungen an meine Kindheit in Bullerbü trage ich in mir wie etwas Unzerbrechliches in der Seele, solange ich lebe.