Als ich so ungefähr vor 40 Jahren im Grundschulalter war, gab es fast überhaupt keine Fernseher. Meine Geschichten bekam ich aus Büchern, und ich habe gelesen wie wahnsinnig. Ich mußte mir immer selbst ausdenken, wie die Helden aus meinen Geschichten aussahen, und oft war ich ein paar Jahre später enttäuscht, daß in Filmen diese Menschen ganz anders aussahen.
Einmal in der Woche bekam ich meine Geschichten aus dem Radio. Im Kinderfunk gab es Hörspiele, jede Woche eine halbe Stunde lang, und ich gehörte zu den großen Kinderfunk-Fans. Zu meinen Lieblingssendungen zählten Astrid Lindgrens Detektivgeschichten von Kalle Blomquist. Zusammen mit meinem Vater hörte ich sie mir an. Er sagte immer, er findet es gar nicht gut, wenn Kinder der Polizei dazwischenfunken, weil das zu gefährlich sei. Ich war da anderer Meinung. In der Schule hatten Mädchen Pippi-Langstrumpf-Bücher, aber da hätte ich nicht hineingesehen. Das Titelbild fand ich zu doof, den Namen fand ich zu albern, und alles, was ich sonst noch darüber hörte, fand ich ziemlich blödsinnig. Das hat sich bis heute eigentlich nicht geändert. Ich bin ein noch größerer Astrid-Lindgren-Fan geworden, aber Pippi Langstrumpf gefällt mir immer noch nicht so besonders.
Später bekam meine Familie einen Fernseher. Sonntags nach dem Essen sahen sich alle „Ferien auf Saltkrokan“ an. Eigentlich war ich damals schon zu alt für Kinderfilme, aber diese habe ich mir auch immer angesehen und mich über Stina, Bootsmann und Onkel Melker gefreut.
Einige Jahre lang habe ich nicht mehr an Astrid Lindgren gedacht. Dann wurde die Schule, an der ich inzwischen als Lehrer unterrichtete, in Astrid-Lindgren-Schule umgetauft. Ich fand zu der Zeit, das wäre keine besonders gute Idee. Mich nervte es damals, daß ihre Geschichten eigentlich immer gut ausgingen, und in Wirklichkeit ist das ja oft anders. Viele Geschichten gehen nämlich leider schlecht aus. Eine besonders schlechte Idee war die Umbenennung jedenfalls auch nicht, denn immerhin hatte ich ja noch viele schöne Erinnerungen.
Vor ein paar Jahren war es wieder einmal Heiligabend. Vor Weihnachten war wieder einmal überall eine Menge Arbeit gewesen. Nicht alles war wohl auch so gelaufen, wie ich es mir gewünscht hatte. Da setzte ich mich ziemlich müde vor meinen Fernseher und wollte eigentlich nur irgendetwas sehen, zum Abschalten. Es lief gerade „Madita“, und bei diesem Film standen mir auf einmal die Tränen in den Augen, weil alles so schön war. Durch diesen Film wurde mir auf einmal bewußt, wie wichtig es ist, daß die Geschichten gut ausgehen. Plötzlich hatte ich Astrid Lindgren verstanden. Ich merkte, dieses Verständnis war ein recht wertvolles Weihnachtsgeschenk. In Wirklichkeit gibt es so viele Sachen, die uns verzweifelt oder traurig stimmen, aber solche Geschichten wie „Madita“ zeigen uns dann, daß es vielleicht auch ganz anders sein könnte.
Oft kann man etwas nicht besser machen, weil die Lage das gar nicht zuläßt. Dann zeigt uns Astrid Lindgren, daß unsere Phantasie uns weiter helfen kann. Am deutlichsten erkennt man das eigentlich in „Mio, mein Mio“. Der kleine Bo Vilhelm Olsson lebt bei (Pflege-)Eltern, die ihn nicht lieben. Daran kann er nichts ändern, denn er ist ja ein netter Kerl und hätte es verdient, daß man ihn mag. Darum träumt er sich eine Geschichte, in der jemand ihn liebt und ihm hilft, und wahrscheinlich gibt die Phantasie ihm Kraft für die Wirklichkeit.
Vielleicht sind Astrid Lindgrens Geschichten eine Art Gebrauchsanweisung, wie man selbst etwas glücklicher leben kann, und noch viel mehr, wie man als Erwachsene Kinder erziehen sollte. Astrid Lindgren hat ja nicht nur Kinderbücher geschrieben, sondern als berühmte Schriftstellerin viele Interviews gegeben. Sie erzählt auch viel über sich selbst in dem Buch „Das entschwundene Land“. Man erfährt also ziemlich viel über die Dichterin und ihr Leben und ihre Meinungen.
Also, warum gibt es bei ihr so viele glückliche Geschichten?
Ja, wahrscheinlich, weil sie selbst ein glückliches Kind sein durfte, weil sie Glück mit ihren Eltern hatte.
Wie haben die Eltern Astrid Lindgren denn so erfolgreich erzogen?
Sie haben ihre Kinder viel spielen lassen. Sie haben sich nicht eingemischt, wenn es nicht nötig war. Trotzdem erfahren wir von Astrid Lindgren, daß es auch Spielregeln und Pflichten gab, an die sich die Kinder halten mußten. Die Eltern, sagt sie, waren streng, aber sie haben nicht genörgelt.
Warum konnte Astrid Lindgren die erfolgreichste Kinderschriftstellerin der Welt werden?
Bestimmt hat sie eine ganze Menge angeborenes Talent, was einfach Glück ist. Außerdem hat sie aber einen Vater, der ihr viele Geschichten erzählt hat, eine große Menge Phantasie, viel Verständnis für Kinder und eine gute Erinnerung.
Wie erklärt Astrid Lindgren ihr Verständnis für Kinder?
Sie sagt, um Kinder zu verstehen muß man keine eigenen Kinder haben. Was wichtig ist, man muß nur selbst Kind gewesen sein – und sich so ungefähr daran erinnern, wie das war.
Es gibt nebenbei viele Vorbilder in Astrid Lindgrens Geschichten, die keine großen Helden sind, und uns trotzdem etwas Wichtiges vormachen. Da fällt mir als erstes dieser Michel ein. Er läßt sich von seinem Vater in den Schuppen sperren für etwas, was er gar nicht verbrochen hat, nur weil er seine kleine Schwester nicht verraten will. Und obendrein ist er seinem Vater nicht einmal böse deswegen.
Na, wer würde sich auch so verhalten?
Peter Oberem