Alle anderen dürfen. Nur ich nicht. So starten Kids ihre kleinen Erpressungsversuche. Lesen Sie, wie Sie am besten darauf reagieren
„Die anderen aus meiner Klasse haben auch einen Gameboy“, quengelt der achtjährige Robert, „sogar Jens hat zum Geburtstag einen gekriegt.“ Die Mutter kommt gerade abgehetzt von der Arbeit, hat sowieso schon ein schlechtes Gewissen, weil sie nur noch zwei Stunden Zeit für Robert hat – und resigniert: „Okay, du kriegst auch einen Gameboy.“ Endlich herrscht Ruhe. Kinder kennen eine Menge Tricks, wenn sie etwas haben wollen. „Sie finden schnell die Schwachstellen ihrer Eltern heraus und bohren gnadenlos darin herum“, sagt Kristin von Kleist, Lebensberaterin aus Celle. „Meist kommen sie mit ihren Wünschen, wenn die Eltern keine Zeit und Lust zu langwierigen Auseinandersetzungen haben. Sie nutzen die Zwangslage ihrer Eltern aus.“ Das fängt mit Kleinigkeiten an: „Kann ich mir eine Tüte Gummibärchen kaufen?“ fragt die fünfjährige Susanne. Die Mutter möchte das eigentlich nicht – telefoniert aber gerade mit ihrem Vermieter. Um Ruhe zu haben, sagt sie ja.
Auch wenn Besuch da ist, kommen die Kinder mit ihren Wünschen – weil sie wissen, daß dann mehr erlaubt ist als sonst. „Kinder spielen auch gern die Erwachsenen gegeneinander aus“, weiß Kristin von Kleist. „Schon Kleinkinder tun das bewußt. Wenn sie sich wehtun, schreien sie zum Beispiel immer nach dem Elternteil, der gerade nicht da ist.“
Heranwachsende haben ihre Tricks schon mehr perfektioniert. „Ich brauche das doppelte Taschengeld“, behauptet der 14jährige Markus, „alle in meiner Klasse bekommen viel mehr als ich. Können wir uns das nicht leisten?“ Doch – Sie können sich das leisten. Aber Sie wollen nicht, daß Ihr Kind den Wert des Geldes nicht zu schätzen weiß. „In so einem Fall sollte man sich mit dem Kind hinsetzen und mit ihm durchrechnen, was die Familie monatlich für Geld verbraucht“, empfiehlt Kristin von Kleist. „Kinder brauchen ihre Grenzen. Sie müssen lernen, daß man für Geld auch etwas tun muß. In diesem Fall kann Markus mehr Taschengeld bekommen – aber er muß dafür im Haushalt helfen.“
Die Fünfzehnjährige Melanie möchte unbedingt ein Mofa: „Dann bin ich flexibel“, sagt sie altklug, und: „Alle haben ein Mofa, ich möchte nicht mehr mit dem doofen Fahrrad in die Schule fahren.“ Das ist eine echte Entscheidung: Lassen Sie Ihr Kind in den Verkehr – oder möchten Sie lieber auf Nummer Sicher gehen und es mit dem Bus oder dem Rad fahren lassen? Kristin von Kleist: „Wenn Kinder Dinge haben wollen, die heute zum täglichen Leben gehören, dann sollten sie sie auch bekommen.“
Viel schwieriger ist es, wenn Kinder mehr Freiheit wollen. „Alle dürfen bis Mitternacht wegbleiben – und am Wochenende so lange, wie sie wollen“, behauptet Marianne (16). „Nur ich muß immer um elf zu Hause sein!“ Da ist die Frage: Vertrauen Sie Ihrem Kind? Wenn ja – warum soll es diese harmlose Vergnügen nicht genießen dürfen. Wenn nein – wovor haben Sie Angst? Das sollten Sie mit Ihrem Kind besprechen, ganz offen – dann ergibt sich meist eine Lösung.
Nie unter Druck entscheiden
Professor Hedwig Wallis, Kinderpsychiaterin aus Hamburg:
1. Treffen Sie keine Entscheidung unter Druck. Wenn Sie in Eile oder sich nicht schlüssig sind, vereinbaren Sie einen Gesprächstermin mit Ihren Kindern, wenn Sie genügend Zeit haben: „Ich werde dir morgen abend sagen, ob du am Wochenende mit deinen Freunden zelten darfst.“
2. Prüfen Sie doch mal, ob Aussagen wie „Alle in meiner Klasse haben einen Walkman“ auch stimmen. Eine gute Gelegenheit, andere Eltern danach zu fragen, sind Informationsabende in der Schule.
3. Stellen Sie Ihr Kind ganz konkret vor die Wahl: „Wenn du diese Turnschuhe jetzt kaufen willst, ist die neue Jeans in den nächsten drei Monaten nicht mehr drin.“
4. Übertragen Sie Verantwortung: „Wenn du abends in die Disco willst, mußt du dich darum kümmern und uns sagen, wie du nach Hause kommst.“
Aus der FÜR SIE, '94
Ob.