Emotionale Intelligenz entscheidet über den Erfolg im Leben

Von Lynn Smith, Los Angeles

Vor zwanzig Jahren war der Glauben weitverbreitet, man müsse sich möglichst früh um die geistige Leistungsfähigkeit seiner Kinder kümmern, damit diese später einmal Erfolg im Leben haben würden. Eine Bekannte von mir wollte damals unbedingt ein intelligentes Kind. Deshalb aß sie im dritten Monat ihrer Schwangerschaft - das ist jene Phase, in der sich das Gehirn des Fötus ausbildet - besonders viel Leber. Tatsächlich gelang es dem Kind schließlich, eine der angesehensten Universitäten der Vereinigten Staaten zu absolvieren. Heute bemüht es sich trotzdem verzweifelt immer noch um eine feste Anstellung.

Die Zeiten haben sich inzwischen geändert, und Wissenschaftler stellen fest, daß „emotionale Intelligenz“ für den Lebenserfolg weit wichtiger ist als die mit IQ-Tests gemessene akademische Intelligenz. Emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, gut mit anderen Menschen auszukommen und gute persönliche Entscheidungen treffen zu können. Der Intelligenzquotient trägt bestenfalls zu 20 Prozent zum Erfolg im Leben bei, die restlichen 80 Prozent über lassen die meisten Eltern dem Zufall, behauptet Daniel Goleman, der von der Harvard University zum Doktor der Psychologie promoviert wurde, in seinem neuen Buch „Emotional Intelligence“. Goleman arbeitet für die „New York Times“ als Wissenschaftsreporter.

„Der IQ ist wichtig, doch er ist auf keinen Fall alles. Viele Menschen mit einem hohen IQ arbeiten für Menschen, die über einen sehr viel niedrigeren IQ, dafür aber über eine hohe emotionale Intelligenz verfügen“, sagt Goleman. Selbst in einer Gruppe talentierter Menschen, die alle einen hohen IQ haben, werden jene als am wertvollsten ein geschätzt, die kooperieren, überzeugen, einen Konsens aufbauen und sich in andere hineinversetzen können. So kam eine Studie zu dem Ergebnis, daß die wichtigsten Mitarbeiter einer Denkfabrik der Telefongesellschaft AT&T jene waren, die im Falle einer Krisensituation mit Hilfe von E-Mail ein informelles Kommunikationsnetz aufbauen und somit eine schnelle Problemlösung liefern konnten.

Bereits in den achtziger Jahren formulierte der Erziehungswissenschaftler Howard Gardner von der Harvard Universität sein Konzept der „multiplen Intelligenzformen“. Kinder, so meinte Gardner, sollten zur Entdeckung und Entwicklung jener Intelligenzformen ermutigt werden, die bei ihnen von Natur aus besonders ausgeprägt seien. Gardner nannte damals sieben Formen der menschlichen Intelligenz: Die linguistische, die logisch-mathematische, die räumliche, die musikalische, die körperlich-kinästhetische, die interpersonelle und die intrapersonelle. Interpersonelle und intrapersonelle Intelligenz sind erst vor kurzem von den Psychologen Peter Salovey, Yale Universität, und John Mayer, Universität von New Hampshire, genauer analysiert und dargestellt und unter dem Oberbegriff der emotionalen Intelligenz zusammengefaßt worden.

Die emotionale Intelligenz besteht aus sieben Komponenten:
1. Kenntnis der eigenen Gefühle und Fähigkeit, diese in richtige Entscheidungen umzusetzen.
2. „Gefühlsmanagement“, mit dessen Hilfe ein Mensch verhindert, daß Gefühle der Anspannung oder der Angst die Qualität seiner Entscheidungen beeinträchtigen.
3. Fähigkeit, sich trotz andauernder Fehlschläge zu motivieren.
4. Optimistische Grundeinstellung.
5. Fähigkeit, zumindest vorübergehend Verzicht zu leisten.
6. Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können.
7. Fähigkeit, mit anderen Menschen gut auszukommen, mit ihnen zu kooperieren und Gefühlsausbrüche in Beziehungen zu bewältigen.
Diese Fähigkeiten sind nicht nur nützlich für die Karriere, für Beziehungen zu anderen Menschen und für die Gesund heit, sie werden bei Kindern auch in einen Zusammenhang gebracht mit einer niedrigeren Neigung zu Kriminalität, Gewalt und Drogenmißbrauch.

Interessanterweise steigern Kinder, denen bei der Verbesserung ihrer emotionalen Fähigkeiten geholfen wird, auch ihre Leistungen in der Schule, sagt Goleman. Die schlechte Nachricht ist, daß viele Eltern Gefühle oft ignorieren. Das Ergebnis einer solchen Einstellung ist Gleichgültigkeit im Umgang mit der Wut und den Frustrationen eines Kindes oder eine verächtliche Haltung gegenüber den Gefühlen des Kindes. Die gute Nachricht ist, daß auch Kinder aus solchen Familien emotinale Intelligenz erwerben können. Neurologen haben entdeckt, daß die für die emotionale Intelli genz eines Menschen verantwortlichen Hirnpartien im Gegensatz zu vielen anderen Teilen des Gehirns bis ins späte Jugendalter reifen und ihre Gestalt verän dern. „Kinder lernen immerzu, und die Intelligenz wird durch wiederholte Erfahrungen geformt“, sagt Goleman.

Eltern sollten an ihren eigenen emotionalen Fähigkeiten arbeiten, die Gefühle des Kindes ernst nehmen und ihm Wege zeigen, wie es sich selbst beruhigen kann. Goleman: „Man kann für sein Kind und dessen emotionale Intelligenz ein hoch effektiver, lebenslanger Lehrer sein. Im Guten wie im Schlechten hängt alles davon ab, wie man im Alltag mit seinen eigenen Gefühlen und denen des Kindes umgeht.“