Offener Brief an alle Eltern und Erziehungsberechtigten in Deutschland

Dr. Ludwig Eckinger
Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE)

Liebe Mütter, liebe Väter,
sehr geehrte Elternvertreterinnen und Elternvertreter!

In den Tagen und Wochen seit dem Verbrechen am Erfurter Gutenberg-Gymnasium ist viel nachgedacht worden - nicht nur öffentlich. Ein solches Innehalten hatten wir alle bitter nötig. Und wir haben eine neue Erfahrung gemacht: Mit unserer großen Erschütterung haben wir die Schnelllebigkeit der Zeit gestoppt. Wenn es uns gelingt, mit dieser Erfahrung nicht zur bisherigen Tagesordnung zurückzukehren, sondern uns auf eine andere zu verständigen, so werden wir daraus Mut und Zuversicht schöpfen, die Kinder und Jugendlichen, die Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Ich wende mich im Namen des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) an Sie als die wichtigsten Verbündeten von uns Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern. Schule ohne Eltern ist nicht machbar. Schule und Elternhaus gehören zusammen. Dass dies im Alltag nicht ohne Widersprüche und Konflikte zu verwirklichen ist, weiß ein jeder von uns. Und davor sollten wir auch nicht zurückschrecken, doch die Grundrichtung muss klar sein: einen Erziehungskonsens zwischen Schule und Elternhaus zu verabreden, der auf der gegenseitigen Akzeptanz, auf Achtung und Vertrauen basiert. Wir stehen in der Verantwortung, den notwendigen Diskurs in der Gesellschaft mit allen Beteiligten darüber zu führen, wie eine zukunftsfähige und vorbildliche Erziehung aussehen könnte. Schuldzuweisungen sind eher dazu angetan, Misstrauen keimen zu lassen. Das wäre der Anfang von Angst und Resignation und würde Hoffnung auf Zukunft ersticken.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) und der Bundeselternrat (BER) haben sich im Juli 2001 in einem gemeinsamen Erziehungsmemorandurn geäußert. Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Bundeselternrates, der wichtigsten Stimme der Eltern auf Bundesebene, bekräftige ich die Botschaft unseres Memorandums: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung (Kant). Eltern und Lehrer sind Partner.“ Es ist dies zugleich ein Dank an alle Elternvertreterinnen und Elternvertreter in unserer Republik.

Ich möchte Sie, liebe Eltern, zur Erziehung ermutigen, zu einer Erziehung, deren oberstes Ziel Mündigkeit heißt. Vertrauen Sie dabei auf Ihren Erfahrungsvorsprung. Machen Sie Ihre Kinder stark und zeigen Sie ihnen Ihre elterliche Liebe. Jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung, ein Recht auf Anerkennung, ein Recht auf Bildung.

Erziehung erfordert Mut, Können und Zuwendung, sie erfordert besondere Verantwortung für den anderen, Einfühlung und Vorausschau im Hinblick auf die mögliche Wirkung. Erziehung ist keine Nebensache, auch wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse dies manchmal suggerieren mögen. Erziehung basiert zwar auf dem Erfahrungsvorsprung des Erziehenden, doch gab es nie zuvor so viele offene Fragen wie heute. Vor allem deshalb muss der Erziehende dafür einstehen, was er tut. Erziehung ist insofern auch widersprüchlich, als ihre eigentlichen Ziele in Mündigkeit und Selbstverantwortung liegen, die durch äußere Einwirkungen nur bedingt erreichbar sind. Erziehung muss sich im Laufe des Prozesses von der Kindheit über die Jugend bis zum Erwachsensein letztlich überflüssig machen. Kinder und Jugendliche müssen in den Prozess der Erziehung altersgemäß eingebunden sein und Pflichten übernehmen.

Viele, die heute erziehen, von den Eltern über Erzieherinnen und Erzieher bis hin zu Lehrerinnen und Lehrern, sind unsicher geworden, ob sie überhaupt noch Gebote und Verbote aussprechen dürfen. Doch Kinder und Jugendliche benötigen Autorität, Leitbilder und Geborgenheit. Ja, ohne eine richtig verstandene Autorität gibt es weder Erziehung noch Menschwerdung. Eltern und auch wir Lehrerinnen und Lehrer müssen wieder den Mut haben, vorbildhafte und glaubwürdige Autorität in Anspruch zu nehmen. Das gelingt nur, wenn wir sie konsequent vorleben.

Schule kann besser werden, wenn Lehrerinnen und Lehrer und Eltern aufeinander zugehen und sich gemeinsam dem Erziehungsauftrag verpflichtet fühlen. Schule sollte Begegnungen und Anlässe zum Gespräch schaffen und Anregungen von den Eltern ernst nehmen.

Ungeachtet unterschiedlicher Wertvorstellungen gibt es auch für die schulische Erziehung Anforderungen, die verbindliche Gültigkeit für das Leben in der Gemeinschaft haben müssen. Ich denke dabei an die Bereitschaft zur Übernahme von Verpflichtungen für die Gemeinschaft, zur Übernahme von Verantwortung; ich denke an die Bereitschaft, Schwächeren zu helfen und Hilfebedürftige zu unterstützen. Unverzichtbar sind die Selbstdisziplin in Not und Bedrängnis, die konstruktive Teilnahme an Diskussionen und die Reflexion über andere Standpunkte. Und ich zähle dazu den Respekt vor der Meinung anderer, die Fähigkeit zu Freundschaft, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Eigenverantwortung, Mut und Höflichkeit.

Gerade, weil sich die gesellschaftliche Situation in den Familien gewandelt hat, eine Vielfalt von zum Teil konkurrierenden Kulturen und Einflüssen den Alltag bestimmt und zu Verunsicherungen führen kann, zugleich öffentliche Leitbilder, die medial ständig präsent sind, einen permanenten Erwartungsdruck auf Sie und Ihre Kinder erzeugen und auch die Schule in einem Entwicklungsprozess hin zu mehr Eigenständigkeit steht, dürfen wir uns alle nicht darauf einlassen, Kinder und Jugendliche auf die gesellschaftlichen Zustände „zuzuschneiden“. Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer müssen sich als Partner in der Erziehung gegenseitig erfahren und anerkennen können. Die gesetzliche Mitwirkung reicht dafür nicht aus. Im Vordergrund muss die gemeinsame Absicht stehen, die Persönlichkeit des Kindes und der Jugendlichen zu stärken, ihm Grenzen zu setzen und Partizipationsmöglichkeiten einzuräumen.