Nach Beginn des neuen Schuljahres haben überall im Lande die Klassenpflegschaften getagt, sind die Mitwirkungsgremien gebildet worden. Der nachfolgende Beitrag setzt sich provokativ mit dem Thema auseinander. Diskussion ist angesagt!

Schafft den Elternabend ab!

Noch nie wurden Kinder so behütet - aber noch nie so kontrolliert -
von Harald Martenstein

Unser Sohn ist vergangenes Jahr in die Schule gekommen. Ich habe mich zum Elternvertreter wählen lassen - mit dem üblichen Seufzer: Irgendeiner muss es ja machen. Kraft meines Amtes war ich bei allen Elternabenden dabei. Einer ist mir besonders lebhaft in Erinnerung geblieben. Eine Mutter beklagte sich sehr: Die Kinder müssten schon in der ersten Klasse lernen, bis 20 zu rechnen! Plus und Minus! Die Mutter war der Ansicht, dass ihre Tochter überfordert wird. Die junge Lehrerin sagte: „Neulich habe ich zufällig mein altes Schulheft wiedergefunden, aus der ersten Klasse. Wir haben damals sogar bis hundert rechnen müssen."

Die Anforderungen im Fach Mathe für das erste Schuljahr sind also auf 20 Prozent der ursprünglichen Norm gesunken. Und immer noch verlangen Eltern, dass die Ansprüche sinken? Erstmals wuchsen Zweifel in mir: muss es tatsächlich irgendeiner machen? Die Atmosphäre bei den Elternabenden war anders als wir das aus unserem Kinderladen kannten. Dort hatte eine Gruppe Gleichgesinnter die Betreuung ihrer Sprösslinge organisiert. Elternabende dagegen waren spannungsgeladen. Aggressiv. Ein allumfassendes Misstrauen lag in der Luft. Viele Eltern schienen die Schule für eine feindliche Macht zu halten, die ihre Krakenarme nach den Kindern ausstreckt. Sie, die Eltern, waren dazu da, ihre Söhne oder Töchter vor dieser bösen Macht zu schützen - wie Gewerkschaftsfunktionäre, welche die Interessen der Arbeitnehmer gegen das Kapital verteidigen. Die Absenkung der Anforderungen in Mathe von 100 auf 20 entsprach der Abschaffung der 40-zugunsten der 35-Stunden-Woche. Gegen den Gedanken, dass Kinder in der Schule möglichst viel Wissen ansammeln sollten, würden diese Väter und Mütter schärfsten Protest einlegen.

In der Schule wird der Staat zum Rivalen.

Inzwischen glaube ich, dass Eltern sich aus der Schule so weit wie möglich heraushalten sollten. Nichts gegen Engagement bei Schulbasaren oder Klassen-festen, aber in das pädagogische Konzept sollten Eltern nicht hineinreden dürfen. Schafft die Elternabende ab! Und lasst Lehrer und Schüler in Ruhe.

Ab dem ersten Schultag mischt sich in die Liebesbeziehung zwischen Eltern und Kinder eine dritte Partei ein. Ein mächtiger Rivale. Der Staat. Die Eltern der Schüler von heute sind meistens um die vierzig, oft noch älter. Zum Staat haben viele von ihnen ein zwiespältiges Verhältnis. Über ihn denken sie so, wie sie einst über ihre Eltern gedacht haben. Sie schätzen ihn als Versorger, aber sie lehnen ihn ab, wenn er es wagt, Forderungen an sie zu stellen. In der Schule zeigt der Staat also sein böses Gesicht. Die Schule verlangt Leistung. Sie gibt nichts umsonst. Bildung kostet Anstrengung. Diese Tatsache halten viele Eltern für eine Unverschämtheit, gegen die es breitesten gesellschaftlichen Widerstand zu mobilisieren gilt.

Die Kinder sollen sich zum Beispiel vorm Sportunterrichtschnell umziehen - man bedenke, schnell! Wehr- und rechtlos, getrieben von gnadenlosem Leistungsdruck, werden Siebenjährige in die Turnhalle gehetzt Dabei weiß doch jeder, wie wichtig es in diesem Alter ist, genügend Zeit zum Spielen zu haben! Die Argumente und die empörte Tonlage erinnern ein wenig an die 68er-Zeit. Die von 68 geprägten Eltern verzerren die errungenen Freiheitsgewinne im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, Schule und Kindern ins Groteske.

Und die Kinder selbst? Keine Mittelschichtsgeneration in Deutschland war je so fest im Griff ihrer Eltern wie die Kinder von heute. Viel häufiger als früher haben sie keine Geschwister, mit denen sie paktieren könnten, oder nur eins. Ihre Großeltern sind oft schon tot oder sehr alt. Mit wem sollen sie reden, die Kinder, wenn nicht mit den Eltern? Die permanente Aufmerksamkeit lastet schwer auf ihnen.

Herrschaft und Autorität sind in unserer Gesellschaft nicht verschwunden, sie sind aber beinahe unsichtbargeworden. Auch die Herrschaft der Eltern über die Kinder hat sich verändert. Moderne Eltern regieren subtil, durch Kontrolle. Nur selten können heutige Kinder mal eben für einen halben Tag nach draußen verschwinden, auf die Wiese oder in den Wald, um die üblichen heimlichen Dinge zu tun. Sie wurden geboren, als ihre Eltern schon ziemlich altwaren, mindestens dreißig. Und sie waren meist Wunschkinder. Sorgfältig geplant, lange vorbereitet, wohl bedacht. Das Kind war für die Eltern das Tüpfelchen auf dem i ihrer Biografie.

An der Existenz der Kinder ist nichts Beiläufiges, Selbstverständliches mehr. Von allen Träumen, von allen Utopien ihrer Eltern sind nur sie wahr geworden, sonst nichts. Deshalb sollen sie auf keinen Fall zu kurz kommen, all die kleinen Prinzessinnen und Prinzen. Ihre Wünsche sind in vielen Familien Gesetz. In der Schule aber ist jedes Kind nur eines unter vielen. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten. Aus den Königskindern werden über Nacht ganz normale kleine Bürger. Womöglich zieht die Lehrerin unserem geliebten Prinzen sogar ein anderes Kind vor, wer weiß, man ist ja nicht dabei, man kann es nicht kontrollieren. Man ist ja machtlos gegen das, was ,die da oben' mit dem eigenen Kind tun. In der Schule haben, mehr als an jedem anderen Ort der Gesellschaft, Restbestände von Autorität und offener Herrschaft überlebt, sogar in Berlin, wo die Schule von SPD und GEW jahrzehntelang weichgespült wurde. Sogar in Berlin kommt unweigerlich der Tag, an dem das erste Diktatgeschrieben wird - ob das Kind Lust dazu hat oder nicht. Dieser Gedanke lässt viele Eltern rasen vor Zorn.

Tatsächlich rasen sie vor Eifersucht Ihren verletzten Narzissmus tragen sie dann in die Elternabende. Dort versuchen sie, ein Stück Macht zurückzuerobern, indem sie der Lehrerin das Leben schwer machen. Will man da wirklich dabei sein?

Ebenso schlimm und ebenso häufig ist der entgegengesetzte Elterntyp, jener, der von Anfang an mit den Lehrern gemeinsame Sache macht, der soziales Lernen als Unsinn bemäkelt, dem keine Leistungsanforderung hoch genug geschraubt sein kann und der sich am liebsten jede kleine Missetat des eigenen Früchtchens detailliert berichten ließe. Doch Eltern und Lehrer haben verschiedene Aufgaben, Familie und Staat sollten nicht zu einem totalitären Machtkartell verschmelzen. Müssen wir wirklich alles, alles wissen über die Kleinen? Wollen wir das gläserne Kind? Ein Wesen, das keine eigene Welt, keine Geheimnisse haben darf?

Wahrscheinlich bedeutet der erste Schultag für viele unserer verwöhnten, begluckten und betüttelten Einzelkinder eine große Befreiung. Ausgerechnet unter der Obhut des Staates, auf den Pausenhöfen, sind viele zum ersten Mal beinahe unbeobachtet und unbeschützt. Sozusagen frei. Gibt es Streit, dann wird er ausgetragen und nicht von aufgeregt herbeieilenden Eltern oder Kindergartenpädagogen geschlichtet. Zum ersten Mal erleben viele Kinder Siege oder Niederlagen. Ungepolstert. Sie lernen dazu. Gehört Petzen zur Elternpflicht?

Das sollen sie aber nicht. Denn bei der nächstmöglichen Gelegenheit erscheint fast immer die Elternabend-Megäre auf dem Plan, ersatzweise der Elternabend-Rambo. Mütter oder Väter, die sich lautstark darüber beklagen, dass ihre Tochter in der Pause an den Haaren gezogen wurde. Zweimal! Von Tobias! Sogar das Verpetzen scheint in manchen modernen Haushalten zu den elterlichen Pflichten zu gehören. Die Schulhof-Rauferei gehört zu den beliebtesten Themen eines Elternabends. Gewalt gegen Kinder ist selbstverständlich tabu. Aber „Gewalt“ gegen Kinder bedeutet längst auch, dass der eine kleine Junge dem anderen kleinen Jungen das Pausenbrot in die Haare schmiert. muss man darüber wirklich reden? Beim Elternabend: ja. Stundenlang. Tief betroffen. Denn die Elternabenddiskussion ist eine Schwester des Beziehungskrisengesprächs und eine Tochter der Wohngemeinschafts-Grundsatzdebatte. Das heißt: Sie kann aus den kleinsten Anlässen entstehen. Sie dauert. Und sie führt garantiert nirgendwohin.

Quelle: Die Zeit