„Die Reaktion meiner Familie und Freunde werde ich niemals vergessen, als ich ein Jahr nach Sarahs Geburt beschloß, wieder arbeiten zu gehen. Wir konnten mein Gehalt bei der Abzahlung unseres Hauses gut gebrauchen. Außerdem war ich immer gern Rechtsanwaltsgehilfin gewesen. Aber keiner brachte Verständnis für meine Entscheidung auf. ,Du kannst so ein kleines Kind doch nicht in fremde Hände geben’ und ,Warum hast du dir das Kind überhaupt angeschafft’ bekam ich zu hören. Als ob mich mein eigenes Gewissen nicht schon genug gequält hatte. Dazu kam die Angst, meine Tochter könnte vielleicht Schaden nehmen, wenn ich sie allein ließe. Oft fühlte ich mich elend und schlecht und fragte mich: „Bin ich eine Rabenmutter, weil ich nicht zu Hause bleibe, sondern arbeiten gehe, und das sogar gerne?“
Katharina (29) steht mit ihren Erfahrungen nicht allein. Über fünf Millionen Mütter versuchen in Deutschland derzeit, Kindererziehung und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren. Viele von ihnen werden mit ähnlichen Vorurteilen konfrontiert wie die Münchnerin. Eine Tatsache, die in vielen anderen europäischen Ländern auf Unverständnis stößt.
„Bei uns in Frankreich ist es normal, daß Mütter nur eine kurze Babypause einlegen“, berichtet die Pariser Kindergärtnerin Yvette. „Der Staat stellt ausreichende Ganztagseinrichtungen zur Verfügung. Niemand käme auf die Idee, daß die Kinder sich falsch entwickeln könnten.“ Über 90 Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen besuchen in Frankreich eine ganztägige Vorschuleinrichtung.
Während die Fremdbetreuung dort gesellschaftlich anerkannt ist, wird unseren Müttern häufig Lieblosigkeit vorgeworfen, wenn sie ihren Nachwuchs in „fremde Hände“ geben. Dabei belegt eine gerade erschienene Studie der Stiftung „Whirlpool Foundation“: Für 94 Prozent aller europäischen Frauen ist die Familie das wichtigste im Leben - selbst wenn sie eine Kombination aus Beruf und Familie für sich als ideal ansehen. Auch andere Untersuchungen zeigen, daß viele der gängigen Vorwürfe nicht haltbar sind.
„Anfangs war ich wirklich neidisch auf Thilos Tagesmutter“, erzählt die Industriekauffrau Sabine von den Erfahrungen mit ihrem vierjährigen Sohn, der seit drei Jahren vormittags betreut wird. „Sie verbrachte den halben Tag mit ihm, half ihm bei seinen ersten Laufversuchen, sah sogar seine ersten selbstgemalten Bilder. Manchmal dachte ich, sie ist mehr Mutter als ich. Aber das verging ganz schnell, wenn ich Thilo mittags abholte. Er strahlte immer übers ganze Gesicht, wenn er mich sah. Und als er größer wurde, lief er mir entgegen und umarmte mich ganz fest. Sicher, er liebt seine Tagesmutter, aber auf eine andere Weise.“
Studien belegen die Beobachtungen der 32jährigen Mutter. Der Pädagogikprofessor und Autor Dr. Peter Erath („Wieviel Mutter braucht ein Kind? Die wahre Qualität einer Beziehung“, Ariston Verlag, 33 DM) kommt beispielsweise zu dem Schluß, daß jeder Mensch von Geburt an ein Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen hat. Schon ein Baby ist in der Lage, seine Hauptbezugspersonen - also Mutter und Vater - zu erkennen. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen „soziale Intelligenz“. Diplom-Psychologin Cora Besser-Siegmund (39), selbst Mutter einer zwölfjährigen Tochter, spricht aus eigener Erfahrung: „Babys erkennen die Beziehungsstrukturen in einer Familie. Mehrere Bezugspersonen wirken sich normalerweise nicht verwirrend auf Kinder aus. Man denke nur an die Großfamilien von früher. Damals wurde die Erziehung noch als kollektive Aufgabe gesehen. Wichtig ist nur, daß die Bezugspersonen nicht ständig wechseln.“ Für Kinder ist der Kontakt zu anderen Menschen eine ganz wichtige Chance, neue Fähigkeiten zu erlernen. Besonders das Zusammensein mit Gleichaltrigen, zum Beispiel bei der Tagesmutter oder in einer Kindertagesstätte, fördert das Sozialverhalten.
Kaum eine Mahnung hören berufstätige Mütter häufiger: „Dein Kind braucht dich. Wer weiß was aus ihm wird, wenn du es allein läßt.“ Schuld ist Sigmund Freud, der behauptete: Mütter, die ihre Kinder zu oft verlassen, riskieren ein Kind mit unterentwickelter Persönlichkeit und oberflächlichem Gefühlsleben. Seine Begründung: Das Urvertrauen des Kindes wird durch die Trennung zerstört. Moderne Psychologen haben heute jedoch festgestellt: Kinder empfinden die Abwesenheit der Mutter nicht automatisch als schlechte Erfahrung. Eine Befragung der Zeitschrift „Eltern“ unter 2330 Schülern ergab, daß 76 % der Jungen und 79 % der Mädchen es „gut finden, daß unsere Mutter arbeiten geht“. Sie fühlten sich weder vernachlässigt noch „lebensuntauglich“, wie ein 15jähriger es formulierte.
Die US-Professorin Sandra Scarr, Mutter von vier Kindern, wertete zahlreiche Studien von den 30er Jahren bis heute aus und kam zu dem Ergebnis: „Es fehlt jeder Beweis für eine schädliche Auswirkung der Berufstätigkeit von Müttern auf ihre Kinder. Sie entwickeln sich ebenso normal wie Söhne und Töchter von Vollzeitmüttern.
Trotzphasen, Schulmüdigkeit, Aufsässigkeiten - das gibt es bei allen Kindern, egal wie sie aufwachsen. Kinder berufstätiger Mütter sind auch nicht, wie oft behauptet. ängstlicher und unsicherer als ihre Altersgenossen mit Vollzeitmüttern. Im Gegenteil: Der US-Soziologe Lois Hoffmann behauptet in seiner Studie sogar, sie seien selbständiger und kontaktfreudiger. Mädchen würden - durch das Vorbild einer unabhängigen Mutter - selbstbewußter an Aufgaben herangehen und häufiger ihre Meinung vertreten. Söhne hingegen kämen im Haushalt ohne Probleme allein zurecht.
„Wenn ich von der Arbeit komme, freue ich mich richtig auf meine beiden Kleinen. Ich spiele dann mit Marie und Jonas und höre mir an, was sie den Tag über erlebt haben. O. k., die Hausarbeit bleibt dabei auf der Strecke“, gibt die 34jährige Marlies, Sekretärin bei einer Versicherung, zu. „Aber die Kinder sind mir eben wichtiger. Nach der Geburt von Marie bin ich zu Hause geblieben. Da hab ich von morgens bis abends geputzt, alles mußte perfekt sein. Als Jonas dann kam, war mir klar: Du mußt wieder arbeiten, sonst fällt dir irgendwann die Decke auf den Kopf. Wenn ich es genau überlege, habe ich damals auch nicht mehr Zeit für die Kinder gehabt als heute.“ Zu diesem Ergebnis kommt auch Regine Schneider in ihrem Buch „Gute Mütter arbeiten“ (Krüger Verlag, 29,80 DM) Die Journalistin und Mutter zweier Töchter betont: „Untersuchungen zeigen, daß berufstätige Mütter genausoviel mit ihren Kindern verbringen wie Vollzeitmütter. Denn es kommt darauf an, was man in der Zeit mit dem Kind tut, und nicht auf die Anzahl der Stunden, die Mutter und Kind gemeinsam unter einem Dach verbringen.“
Der Berufsverband Deutscher Psychologen empfiehlt Eltern, sich mindestens eine halbe Stunde pro Tag mit ihrem Nachwuchs zu beschäftigen. Kinder haben ein feines Gespür für Stimmungen. Sie merken sofort, ob es in der Familie Spannungen gibt oder ob alles harmonisch verläuft. Und sie reagieren dementsprechend darauf. Die ehemalige Bundesfamilienministerin Professor Ursula Lehr fand in einer Studie heraus, daß sich diejenigen Kinder am besten entwickelten, deren Mütter ausgeglichen und mit ihren Lebensumständen zufrieden waren. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese Mütter Hausfrauen oder berufstätig waren.
„Mütter, die wieder arbeiten möchten, sollten sich vor Augen halten, daß jeder Mensch verschiedene Rollen übernimmt, zum Beispiel die der Ehefrau, der Freundin, der Arbeitskollegin und eben die der Mutter“, erklärt die Hamburger Psychologin Cora Besser-Siegmund. „Diese Rollen müssen in einer guten Balance miteinander stehen, sonst fühlen wir uns unausgeglichen und werden unzufrieden. In der Streßmedizin heißt das „Balancing“. Einige Frauen sind zufrieden, wenn sie sich ganz der Familie widmen können, andere brauchen den Beruf, um wieder aufzutanken und dann mit neuer Freude auf ihre Familie zuzugehen. Wenn eine Frau trotz Kind berufstätig sein möchte, ist das also wichtig für ihr seelisches Gleichgewicht - und das wiederum tut dem Kind gut.“
Artikel aus FÜR SIE, 6/96, 28.02.96